Samstag, 23. Mai 2020




LATE






Ich stelle gegenüber einen Auszug aus dem langen Gedicht »Late« von Michael Hamburger den nicht verwendeten Fotos für den letzten Post, also ein inniges Naturerlebnis den Makro-Abstraktionen der überwiegend menschengemachten Dingwelt - immerhin sitzt auf dem ersten Foto noch eine Fliege oder kleiner Schuster. Der gleichnamige zweisprachige Band besteht ausschließlich aus diesem Gedicht. Leider ist der deutsche Titel eher ein Fehlgriff: »Das Überleben der Erde«.
Das Original ist also in englischer Sprache verfasst, obwohl Michael Hamburger aus Deutschland stammt. Er lebte aber den Großteil seines Lebens in England. Von denen, die ich kenne, ist er für mich einer der größten Lyriker der Nachkriegszeit und hat unter anderem auch einen Gedichtband herausgegeben, in dem jedes Gedicht einem anderen Baum gewidmet ist und ihn portraitiert. Eins dieser Gedichte habe ich mal vor längerem in eine Komposition für Saxophon eingebaut.
(http://stimmgang.blogspot.com/2013/02/)







Towards nightfall
Outlines shift.
Colours turn,
By faintness lessened,
By faintness deepened.






Before full silence
No sound is the same
As when recurrence,
Mutation moved it
Though towards silence
Each was impelled.







So near extinction
Cock-crow when day breaks,
Audible still, 
Differently comes,
To one who hardly can hear
Smaller birds warble, chirp, 
Who, listening to music, 
Audible still, 
Doubts that the tones heard
Are the tones played, 
The tones intended.






Bei Einbruch der Nacht 
Entrücken Konturen.
Farben sind anders, 
Durch Auflösung weniger, 
Durch Auflösung tiefer geworden.





Tief in der Stille 
Gleicht kein Ton dem
Den Wiederholung antrieb, 
Wenn auch zur Stille
Es alle zog.





So nah der Vernichtung
Erreicht zu Tagesanbruch der Hahnschrei,
Noch immer vernehmbar, 
Anders den
Der kaum hört mehr
Kleinere Vögel trillern, zwitschern
Der, lauscht er Musik, 
Noch immer vernehmbar,
Nicht weiß, ob die zu hörenden
die gespielten Töne auch sind,
die erstrebten Töne.






Die Gegenüberstellung möchte funktionieren entsprechend dem Diktum von Hui-neng, dem 6. Patriarchen des Chan-Buddhismus (7. Jh.), auch bekannt als der analphabetisches Holzfäller:

»Oneness is good, dualism is not good. The essential Buddha-nature is neither good nor not good; that is called nonduality.«

»Einssein ist gut, Dualität ist nicht gut. Die ursprüngliche Buddhanatur ist weder gut noch nicht-gut; das nennt man Nicht-Dualität.«