Montag, 16. Mai 2016


COLORS OF WONDER










Colors of Wonder, so der Titel der neuen CD: was könnte das sein, mal abgesehen von den Farben, mit denen die Natur uns so freizügig beschenkt, um uns ungläubig staunen zu lassen, und die hier hauptsächlich durch die Fotos repräsentiert werden?
Sind das eventuell all die Farben, die hinter den Augen vorbeiziehen, wenn sich, meist im Zustand akuter Übermüdung, wie Schichten komplexe und bunte Ensembles voneinander ablösen, als Skulpturen, Gemälde, Mosaiken oder Installationen, aus Leder, Stein, Holz, Plastik, Metall, Stoff usw.?
Dieser permanente Wechsel innerer Kunstwerke, ein Jungbrunnen der Phantasie, löst jedenfalls Verwunderung aus, Erstaunen, ebenso wie die daraus resultierende Feststellung, was offensichtlich alles in einem steckt.*


*Oder man tastet blind an einer Wand entlang und stellt sich dabei genau den Gang vor, denn man kennt ihn, da er sich in der eigenen Wohnung befindet. Und man wundert sich über die Vielzahl der Grautöne, die einem das innere Bild anbietet. Und man fragt sich: warum ist es nicht farbig?







Das ist ganz pur, daher gibt es auch keinen Hall, nur für ein paar verirrte Stöcke der Zurechtweisung: eine kleine doppelfellige Rasseltrommel - zwei kleine Holzstücke hängen an Bindfäden seitlich am Instrument und werden bei rascher Drehung der Achse gegen die jeweiligen Membranen geschleudert -, eine marokkanische Naqqara, ein kleines Xylophon und ein noch kleineres Balaphon.
Diese akustische Zweiteilung bedeutet die Umkehrung eines gängigen Musters: Verwunderung ist hier kein Ausdruck der Aufregung, vielmehr ist sie gekoppelt an eine nicht nachlassende Intensität. Vielleicht sind ihre Farben daher auch nur die Beckettschen Abstufungen von Grau. 







Verwunderung erneuert dennoch Vieles. Und Neues wiederum kann zu Verwunderung führen. 
Erstaunen wirkt befreiend, es ist gedanken- und erinnerungslos, der Vergleich: »aber das erinnert mich an…« ist bereits ein Gebraucht-artikel.

Jedenfalls schillert das Nichtwissen und tritt auf in verschiedenen Farben.








Colors of Wonder, title of the new cd: what could it be besides the colors nature is bestowing us with in order to let us wonder agape? 
Probably all the colors passing by behind the eyes when complex and chromatic ensembles replace each other like layers, in form of sculptures, paintings, mosaics or installations, made out of leather, stone, wood, plastic, metal, fabric etc.?
This permanent change of inner art work, a fountain of youth for the phantasy, triggers off wonder in any case, astonishment, as well as the resulting perception of what one is apparently made of.*

*Or you grope blindly along a wall and visualize in detail the hallway for you know it since it´s in your own appartment. And you wonder about the manifold shades of gray offered by the inner image. And you ask yourself: why isn´t it colored?









This is all pure and therefore without delay, except for a few stray sticks of tingler: a little double-headed rattle drum - two pellets, each attached to a cord, hang downwards and get skidded against the drumheads by quickly turning the axe -, a moroccan naqareh, a little xylophone and an even smaller balafon.
This accoustic splitting represents the inversion of a common pattern: here wonder is not an expression of excitement but rather pegged to a non-decreasing intensity. Therefore it´s colors are perhaps just the Beckett-like gradations of grey.







Nevertheless wonder refaces a lot of things. And something new can in turn lead to wonder.
Astonishment liberates, it´s free of thoughts and memory, the comparison: »but this reminds me of…« already is second-hand goods.
In any case the not-knowing fluoresces and appears in different colors.




 




Colors of Wonder meint aber auch, jedenfalls für mich als begeistertem Leser, all die Facetten des Erstaunens, mit denen uns die Literatur beschenkt und beglückt, darüber, mit welcher Raffinesse Figuren der Phantasie unterschiedlicher Epochen ineinander verwoben sind, in sich permanent wandelnden Formen vererbt von Schriftsteller zu Schriftsteller; darüber, auf welch schillernde Koinzidenzen man als aufmerksamer Leser stößt. 






Auf dieser Wanderung mit offenem Mund über das weite Feld der Vermittlung von Literatur in Literatur in Literatur… ist mir kürzlich Proust wiederbegegnet  -  dabei hatte ich geglaubt, ihn innerlich vor wenigen Jahren für den Rest meiner Tage ad acta gelegt zu haben. Aufgetaucht ist er in Form eines rein zufällig entdeckten Bändchens über seine Bibliothek, das ist ein langer Aufsatz, der sich damit beschäftigt, welche Figur seiner Recherche er mit welchem Schriftsteller ausstattet, bekleidet und wie er sie dabei alle ganz en passant in gute und schlechte Leser einteilt etc.. Als meine Neugier geweckt war - dabei ist dieser Aufsatz zum Teil sehr, sehr grobmaschig gestrickt -, griff ich erneut zum einschlägigen Aufsatz des Meisters selbst, Tage des Lesens, und schließlich landete ich wieder einmal bei Balzac, um einerseits zu erfahren, inwieweit der schwule Baron Charlus, eine zentrale Figur der Recherche wiederum aus einer zentralen Balzac-Figur herausgeschnitzt worden ist, zum anderen, um herauszufinden, warum er bestimmte  Figuren und Erzählungen im balzacschen Kosmos anderen vorgezogen hat. 









Und zur gleichen Zeit kreuzte erneut der junge Hemingway meinen Weg - die Gründe hierfür, die ich jetzt ausspare, bilden eine neue Kette der Verwunderung -, und verwundert fragte ich mich, wie zwei Schriftsteller soweit voneinander entfernt sein können - der eine mitten in der untergehenden Welt des Hochadels, der andere mitten im modernen Leben inklusive der Wunden des ersten Weltkriegs -, obwohl sie doch zur gleichen Zeit in Paris leben. 




But Colors of Wonder also means, at least for me as as passionate reader, all the facets of wonder literature is presenting and delighting us with, the wonder about how refined phantasy characters of different eras are woven together, inherited in permanent changing forms from writer to writer; the wonder about these dazzling coincidences you bump into as attentive reader. 







During this peregrination with an open mouth on the large field of mediation of literature in literature in literature… I encountered Proust again  - although I had thought that I left him behind a few years ago for the rest of my life. He showed up in form of a small book, discovered by chance, about his library, a long essay which tries to figure out which of his characters he clothes with which writer and how he classifies them all that way into good and bad readers etc.. When my curiosity was roused - eventhough this essay is partly quite coarse meshed woven -, I resorted again to the masters own essay about this topic, Days of Reading, and finally I once again got to Balzac, just to learn on one hand, how the gay baron Charlus, a main character of the Recherche is carved out of a main Balzac character, and on the other hand, why this baron preferred certain characters and novelettes in the Balzac cosmos.









And at the same time the young Hemingway crossed my way again - the reasons, left open here, form another chain of wonder -, and surprised I asked myself how two writers can be so far away from each other - one of them in the middle of the descending world of high nobility, the other one in the middle of »modern« life including the wounds of the First World War -, eventhough they live in Paris at the same time. 

Or you just follow zen master Boshan Wuyi (1575 - 1630) who considered it being indispensable to morph into one single compact mass of wonder while meditating: >Your whole being, inside and out, is just one single mass of wondering…







The key to meditation is the commitment not to stop until the mass of wonderment breaks.<
Perhaps everything dissolves into colors then.

The photos at least all come from my immediate environment, the appartment, including the ones for the cover. 

Besides it´s just the first part of the cd, the second one deals with words.



Oder man folgt einfach dem Zenmeister Boshan Wuyi (1575 - 1630), der es als unerlässlich ansah, sich beim Meditieren in eine einzige dichte Masse der Verwunderung zu verwandeln: >Dein ganzes Sein, innen und außen, ist einfach eine einzige Masse der Verwunderung…







Der Schlüssel zur Meditation besteht in der selbstverpflichtenden Bereitschaft, nicht aufzuhören, bis die Masse der Verwunderung zerbricht.<
Vielleicht löst sich dann alles in Farben auf.

Die Fotos entstammen jedenfalls sämtlich meiner unmittelbaren Umgebung, der Wohnung, inklusive der für das Cover. 

Außerdem ist es bloß der erste Teil der CD, der zweite handelt von Worten.







Kommentare sind wie immer willkommen. (mail@stefan-hardt.de).

Die CD kann hoffentlich bald bei metamkine.com bestellt werden.


Commentaries are always welcome. 
(mail@stefan-hardt.com).

Hopefully you can order the cd soon at metamkine.com.