Mittwoch, 20. Dezember 2017



MEISTERN & VERGESSEN: GESCHWISTER


Der Titel bezieht sich auf einen Essay von Jean-Francois Billeter - eine Lektüreempfehlung meines Taijiquan-Lehrers Jean-Michel Chomet - über das Buch Zhuangzi von Zhuang Zhou - also sein Name ist auch der Titel -, neben dem Daodejing der andere Basistext des Taoismus, obwohl der Philosoph Billeter diesen vor gut 2300 Jahren lebenden Kollegen und Dichter gerne als ganz unabhängigen Geist sehen und einstufen würde. Was er sicherlich auch war.
Beim Zusammenhang zwischen Meistern und Vergessen geht es ums Lernen, den Prozeß. Es bildet sich eine Gelassenheit heraus, über oder neben dem Gewußten und Erlernten, die dem Es-geht-wie-von-selbst entspringt. 
Das Vergessen geht mit der Meisterschaft einher. Es stellt sich ein, wenn Grundkräfte zu wirken beginnen und das Bewusstsein davon ablassen kann, die Vorgänge zu lenken, wie es das bis dahin tat, und sich dabei selbst vergisst.






The title Mastering & Forgetting: Siblings, refers to an essay by Jean-Francois Billeter - a reading lead from my taijiquan teacher Jean-Michel Chomet - about the book Zhuangzi by Zhuang Zhou - so his name is also the title -, beside the Tao Te Ching the other basic text of the taoism eventhough the philospher Billeter would like to perceive and classify his collegue from 2300 years ago as an entirely independant poet and spirit. Which he definitely was.
In the context of mastering and forgetting it´s about the learning, the process. An equanimity takes shape, above or besides the known and learned which arises from the it-goes-without-saying.
The forgetting comes along with the mastership. It sets in when basic forces start to work and consciousness can refrain from piloting the processes like it did before, and forget itself.


Zhuangzi sagt: Das, was ich Lernen nenne, ist Erlernen dessen, was sich nicht erlernen lässt…
Dahinter schimmert hindurch der Wunsch nach Respekt und so etwas wie Demut und Ehrfurcht:
Die höchste Form der Erkenntnis ist die, welche vor dem innehält, was sie nicht erkennen kann…
Zu wissen, worin das Handeln des Himmels besteht: Darüber hinaus gibt es nichts. Wer weiß, worin das Handeln des Himmels besteht, lebt dem Himmel gemäß. Wer weiß, worin (wirklich) das menschliche Handeln besteht, nährt das, was sein Bewusstsein erfasst, mit dem, was es nicht erfasst.
Die Passage mündet in den Ausruf:
Oh, würde ich nur einen Menschen kennen, der die Sprache vergisst, damit ich mit ihm reden könnte!
Wie hört sich diese vergessene Sprache an?
Dies ist eine Frage an die Musik!







Zhuangzi says: What I call learning is learning of what can´t be learned…
Behind that gleams the wish for respect and something like humility and reverence:
The highest form of cognition is the one who pauses in front of what it can´t recognize…
To know what the action of heaven consists of: Above that there is nothing. Those who know what the action of heaven consists of are living according to heaven. Those who (really) know what human action consists of, are nurturing what their consciousness capture with what it doesn´t capture.
The passage opens out into the interjection:
Oh, did I only know somebody who would forget the language so I could talk to him!
How does this forgotten language sound?
This is a question for the music!







Es gibt einen interessanten Film, der heißt Arrival. In ihm geht es um die Ankunft einer fremden Spezies. Sie landet gleichzeitig an verschiedenen Orten auf der Welt, in einem länglichen, riesigen Ei, das aber nach näherer Betrachtung dann doch eher an eine Muschel erinnert. 
Einer Sprachwissenschaftlerin wird ein Auszug des Gesprächs vorgespielt, in dem zwei Vertreter dieser fremden Spezies auf amerikanische Fragen antworten. Man hört so etwas wie ein Ausatmen und ein Flügelrauschen, und der CIA-Mann fragt die Wissenschaftlerin: Wie würden Sie an eine Übersetzung herangehen?







There is an interesting film called Arrival. It´s about the arrival of an alien species. It lands simultanously in different places on earth, in a longish huge egg which at a closer view reminds you rather of a shell.
A female linguist is asked to listen to an extract of a conversation in which two representatives of this alien species answer to questions of the Americans. What you hear is a sort of breathing out and a flapping of wings, and the man from the CIA asks the scientist: 
How would you approach translating this?

Later they communicate, the linguist and the two strangers who look like gigantic tubercules walking on hands or like strolling roots. In front of a transparent wall they produce circles - perfect circles like Chinese calligraphy -, circles which differ in a subtle way, signs like ink emitted under water.

The film is a good example of how important it is to be respectful facing what you don´t know or recognize. 


Später kommunizieren sie miteinander, die Linguistin und die zwei Fremden wie riesige Knollen auf Händen oder wandelnde Wurzeln. Vor einer durchsichtigen Wand produzieren sie Kreise - perfekte Kreise wie chinesische Kalligraphie -, Kreise, die sich subtil unterscheiden, also Zeichen, wie unter Wasser ausgestoßene Tinte. 








Der Film ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, Respekt zu haben vor dem, was man nicht weiß und kennt. 

Alle Instrumente, auf denen ich zur Zeit herumstümpere, sind auf einmal zu hören: Melodion, Bassflöte, Portativ & Bassharmonika.
Neben dem offenhörlichen Interesse an Interferenzen und ihren Schwebungen etc. geht es beim Meistern & Vergessen: Geschwister um Eleganz und Brüche, das Abtauchen.
Im Gegensatz zu vorangegangenen Arbeiten fällt auf, daß diese Komposition ganz ohne Hall auskommt, und es fragt sich, was daran attraktiv ist. 
Obwohl recht häufig der Eindruck entsteht, als könnten die Klänge endlos weiter sein, weiter klingen, und insbesondere die Bassharmonika manchmal so klingt, als sei doch Hall im Spiel, bricht das jeweilige Gemisch dann ziemlich abrupt ab. 

Das könnte die Aufmerksamkeit schärfen: man kann versinken, aber das Bewußtsein wird immer wieder unmißverständlich wachgerufen.
Verstärkt wird diese Wahrnehmungsübung durch die Tatsache, daß sich die Instrumente oft nicht gut auseinanderhalten lassen: auch wenn man aufmerksam bleibt, ist alles eins, nach dem Motto: 
Tausend Dinge, gleichmäßig beobachtet, 
Kehr´ zurück zur Natürlichkeit.
Es ist, als wenn man immer wieder ein Gummiband dehnt und es dann losläßt.


All instruments I dabble on right now are hearable at the same time: melodion, bass flute, portative & bass harmonica.
Beside the evident interest in interferences and its beats etc. Meistern & Vergessen: Geschwister is about elegance and ruptures, the descent. 
In contrast to previous works it stands out that this composition gets along entirely without reverberation and the question remains what´s attractive about it.
Eventhough quite often you get the impression as if the sounds could be, could sound forever and that particularly the bass harmonica sometimes sound like being provided with reverberation, the mix in question then breaks off abruptly.
This could sharpen the attentiveness: you can sink into sound but the consciousness is called up unmistakably again and again.
This exercise of perception gets reinforced by the fact that the instruments are quite difficult to distinguish: eventhough you stay vigilant it´s all one according to the motto: 
Myriad things observed equally, 
Return to naturalness.
It´s like stretching an elastic and then let go.








Main focus was the sound: to create, with as few means as possible, a great variety of sounds, not with regard to harmonical or even melodical and rhythmical structures - although towards the end a distinguishable varied riff is creeping in - but with regard to sound, tone color, timbre. 
And it simply works out best without overlapping reverberations. On the other hand a continuous change was sought between opulent and complicated seeming sounds and those who appear simple, quasi frugal.


Im Fokus stand der Klang: mit möglichst wenig Mitteln eine große Varietät an Klängen zu erzeugen, nicht im harmonischen Sinn oder gar im melodischen und rhythmischen - obwohl sich gegen Ende einmal ein deutlich variiertes Riff einschleicht -, sondern im Sinn von Sound, Klangfarbe. Und am besten gelingt dies eben ohne Hallüberlappungen. 
Zum anderen war gefragt ein steter Wechsel zwischen opulent und kompliziert anmutenden Klängen, und solchen, die einfach und simpel wirken, quasi frugal.

Ein Teil des Ganzen ist durch Montage entstanden - allerdings sind alle Töne und Akkorde so gespielt worden, wie sie auch zu hören sind, d.h. ich habe sie weder verkürzt noch verlängert, und auch die Chronologie wurde beibehalten -, der andere, genauer zwei Spuren des Melodions, wurde dann als letztes »synchronisiert«: ich nahm ihn auf, während ich den Monitor mit den bisherigen Schichten, der Rohmontage, beobachtete.







One part of the whole is a result of montage - though all tones and chords are played as heard, that is to say I have neither shorten nor extend them and also the chronology I kept -, the other one, that is two tracks of the melodion, has been finally »synchronized«: I taped them by watching the monitor with the previous layers, the rough montage.  








Road Works I: The astonishing aspect of such photos: they leave everything to the eye of the viewer. Everything means: their whole existence, their expression and their message. One says this would be a - though unsharp - reflection of the so called reality. But don´t these photos in the contrary make clear that reality in general is a construct of thoughts, interpretating sense perceptions? Eventhough they are titled or described in a way that shows their origin, this origin can´t be seen but only imagined.







Strassenarbeiten I: Das Erstaunliche an solchen Fotos: sie überlassen alles dem Auge des Betrachters. Alles meint: ihre gesamte Existenz, ihr Ausdruck und ihre Aussage. Man sagt, dies sei ein, wenn auch unscharfes Abbild der sogenannten Wirklichkeit. Aber machen diese Fotos nicht eher deutlich, dass die Wirklichkeit überhaupt ein Sinneswahrnehmungen interpretierendes Gedankenkonstrukt ist? Obwohl diese Fotos so betitelt sind oder so beschrieben werden, dass ihre Herkunft deutlich wird, lässt sie sich nicht wirklich sehen, sondern nur vorstellen.


Road Works II
Strassenarbeiten II 





Der Nabel des Hauses: Das ist der Nabel unseres Hauses: der Lichtschalter mit den ersten beiden Namen und Klingeln darunter. 






The Belly Button of the House: this is the navel of our house: the light switch with the first two names and the bells beneath.

Yellow Eyes: These are the yellow eyes of a stylized big cat in a showcase of a shop promoting purified water.






Gelbe Augen: Das sind die gelben Augen einer stilisierten Raubkatze im Schaufenster eines Ladens, der für gereinigtes Wasser wirbt. 


Tiny black tiles on the wall of a university building

Kleine schwarze Kacheln an der Wand eines Universitätsgebäudes 






Self Portrait: This is a self portrait: the reflections of a neon lamp 
photographed from the outside through a pane before a long small
corridor.






Selbstportrait: Das ist ein Selbstportrait: die Reflexionen einer Neonleuchte, fotografiert von außen durch die Scheibe vor einem langen schmalen Flur.

Hier noch ein Ausklang: des Jahres, des Posts, in A-Dur.


Here a few final notes: of the year, of the post, in A major.








Kommentare sind wie immer willkommen. (mail@stefan-hardt.d).
Alle erwähnten CD´s und noch viele mehr sind direkt bei mir bestellbar.


Commentaries are always welcome (mail@stefan-hardt.com).
For all mentioned cds and many more please contact me.









Dienstag, 11. April 2017




PORTARE








Carrying what?… nature’s candle flickers... finally blinks... is still a pal though… can you see?… the senses weigh less…

who's seen the swallows with their spiky screech, lost in motion, my daily draught, invisible smoke of time... watching, watching, staring into loudless blur, the outbreath of amazement, huh... and further on...

who else... wants to be the jester of knowledge… though the sky is clear and calm, whenever you want.

no erinyes, just children of the night who skirmish... where have you been, where are you now?… when it gets darker, you'll hear the sound of laughter.

history on a cart, no psephos, a puppet theater... blow gently into the scene... the characters get dispersed... and bromides blossom. 

smooth and mellow... the grass still growing, the trees are moving faster, and the light... caresses your eyelids. 










Portare means to bring and carry.

What or who is carrying us?


Portare heißt bringen und tragen.

Was oder wer trägt uns?







Das Instrument ist tragbar. Daher heißt es Portativ. Man spielt es aber im Sitzen, es liegt auf dem linken Oberschenkel. Damit es waagerecht steht, ruht der linke Fuß auf einem Holzklotz und ist seine Unterseite gewölbt. Hinter den Tasten sind die Pfeifen angebracht. Mit der linken Hand drückt man auf den Blasebalg, mit der rechten werden die Tasten betätigt. Außerdem gibt es Bleigewichte, um Bordun-, d.h. meist tiefe Haltetöne, zu erzeugen. 







The instrument is portable. That´s why it´s named portative. But you play it sitting on a stool, it lays upon your left thigh. For it stands upright, the left foot rests on a log and its bottom side is arched. Behind the keys there are the pipes. With the left hand you press the bellow, with the right hand you touch the keys. Also there are lead weights to create drones, that is to say mostly deep sustained notes.








In a certain way it´s about an extinct instrument. It is still produced, on demand and/or in small quantities but only used in performances of Early Music. In the Middle Ages though it was en vogue.



In gewisser Weise handelt es sich um ein ausgestorbenes Instrument. Es wird zwar noch auf Bestellung und/oder in geringer Stückzahl produziert, aber eigentlich nur noch bei Aufführungen Alter und Früher Musik verwendet. Iim Mittelalter war es jedoch en vogue.









Rainer Groß aus dem rheinhessischen Armsheim hat es gebaut. Er ist Kirchenmusiker und konstruiert in seiner freien Zeit auf Bestellung Portative. 


Rainer Groß from Armsheim northeast of Frankfurt built it. He is a Church Music Director and in his spare time constructs portatives.









This one is a fox, so reddish brown, it´s made out of cedarwood; normally one uses oak timber.


Dieses hier ist ein Fuchs, so rötlich braun, es ist aus Zedernholz; normalerweise wird Eiche verwendet.










Gelassenheit und Stille sind die Mottos. 

Equanimity and silence are the mottoes.








Ein großes Dankeschön an Rainer Groß für dieses wunderschöne Instrument!


A big Thank You to Rainer Groß for this wonderful instrument!








Hier kommt die Flöte zum Einsatz: die Klänge ähneln sich sehr, nur die Tonhöhe ist verschieden.

Here comes the flute: the sound is quite similar, only the pitch is lower.









You can let tones sound up to 45 seconds. Pressing the bellow either hard or gentle you also have a certain influence on the height of tones and can produce »dirty« chords and/or intervals.
I was interested in - like in LUFTSILBER, using different melodions and melodicas out of tune - the inferences, the chafing oscillations and wolfe tones of these intervals.
Actually PORTARE is one self-contained piece, nevertheless do the six tracks  - like with ANGELS - also have a beginning and an end.


Man kann einzelne Töne ungefähr bis zu 45 Sekunden erklingen lassen. Mittels des jeweiligen Drucks ist außerdem ein gewisser Einfluß auf die Tonhöhe und somit das Spiel »unsauberer« Akkorde und/oder Intervalle möglich. 
Mich interessierten, wie schon bei dem Stück mit mehreren Melodions bzw. Melodicas, LUFTSILBER, die Interferenzen, die sich reibenden Schwingungen und Wolfstöne dieser verstimmten Intervalle.
PORTARE ist eigentlich ein abgeschlossenes Stück, dennoch haben auch die sechs tracks  - wie schon bei ANGELS - einen Anfang und ein Ende.
















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Sonntag, 1. Januar 2017